Daniel Gruber, Parteipräsident FDP Zug
«Damit können wir jetzt in den Wahlkampf ziehen.»
Daniel Gruber, Kantonalpräsident der FDP.Die Liberalen des Kantons Zug entschied im letzten Herbst schnell. Er wollte möglichst noch vor Jahresende wissen, was die Bevölkerung seines Kantons denkt – und womit er 2026 den Wahlkampf ziehen kann. Der Online-Dialog von BrainE4 brachte wichtige Erkenntnisse.
Was war Ihre Herausforderung?
Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir konkrete Probleme hätten. Für mich war es klar eine Empfehlung von Dominik Reber von Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten, den ich sehr schätze und schon lange kenne. Er hat mir schon in zwei, drei kommunikativen Situationen unterstützt und wenn er das Gefühl hat, das bringt uns etwas, dann schaue ich mir solch eine Empfehlung näher an.
Sie haben schon vorher den Puls der Bevölkerung gefühlt. Wie?

Man spricht mit vielen Leuten und bekommt dabei ein gutes Gespür für den Puls. Natürlich bewegt man sich dabei auch in einer gewissen „Polit-Bubble“. Umso spannender ist es zu sehen, wie stark unser Bevölkerungsdialog auch über diese Bubble hinauswirkt.

Gleichzeitig ist genau das der richtige Kreis – Menschen, die Orientierung geben und Entwicklungen prägen. Es sind die Opinion Leaders, die in einem kleinen Kanton wie Zug entscheiden - ca. 20–30 Persönlichkeiten.

«Diese Priorisierung ist viel wert.»
Aber es haben gegen 700 Personen mitgemacht. Das ist sicher weit über den Kreis der 20 Opinion Leader hinaus, von denen Sie gesprochen haben.
Ich finde, wir hatten schon gewisse Verschiebungen bei unseren Hypothesen, die wir zuerst formuliert hatten. Aber man kann ja niemandem die Pistole auf die Brust setzen und sagen: „Sie müssen jetzt mitmachen.“ Und seien wir ehrlich: So interessant ist Politik nun auch wieder nicht.
Das sieht man bei anderen Umfragen, zum Beispiel in der Stadt Zug für die „Sportmeile“ mit dem neuen Hallenbad. Wer macht da mit? Genau jene, die interessiert sind: die Schwimmvereine, die direkt betroffenen Anwohner etc. Und dann wird das gross als „breites Meinungsbild“ verkauft, was natürlich nur ein Teil der Wahrheit ist.
Welchen Nutzen ziehen Sie aus dem Online-Dialog mit BrainE4?
Der Hauptnutzen für den nächsten Wahlkampf sind die Aussagen, die im Ranking am besten abgeschnitten haben und die die Kernbotschaft ausmachen werden. Diese Priorisierung ist viel wert.
Denken Sie, dass die anderen Parteien Ihren Online-Dialog wahrgenommen haben?
Ganz sicher. Und in der Aussenwahrnehmung zählt erstens die professionelle Abwicklung. Die Linken wählen uns eh nicht, aber bei der Mitte und der SVP hat das Eindruck hinterlassen. Und mit dem Resultat, also mit diesen Aussagen, die die anderen nicht haben, können wir jetzt in den Wahlkampf ziehen. Alle wissen, dass man das nicht gratis bekommt. Das hat uns gestärkt. Vor allem diese fundierten Aussagen, die unsere Konkurrenz noch nicht kennt.
«Bei den anderen Parteien hat das Eindruck hinterlassen.»
Sie halten sich noch bedeckt.
Ja. Und es wäre für die Öffentlichkeit auch zu viel. Das interessiert nicht alle. Wichtig für die Partei war zu zeigen: «Wir nehmen euch ernst. Wir hören euch zu.» Das ist etwas Anderes als einfach eine Ideologie zu vertreten. Zuhören, auf das Individuum einzugehen, nachzufragen und in einen Dialog zu treten ist etwas anderes als «hinhören»!
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Die Vorbereitungszeit für diesen Online-Dialog war wenige Wochen.
Es war eine „Hauruck-Aktion“. Wir wollten am 5. Januar mit den Resultaten an die Öffentlichkeit gelangen, vor dem traditionellen Dreikönigstag-Treffen der Mitte. Wir wollten einen Tag vorher da sein. Die Absicht dahinter war richtig, aber wir hätten uns im Nachhinein vielleicht etwas mehr Zeit geben sollen.
Sind konkrete Entscheide gefallen, aufgrund der Erkenntnisse?
Wir überarbeiten unser Wahlkampfmotto und -thema. Wir haben ursprünglich Begriffe aus dem Bericht genommen. Aber die wirkten manchmal zu sachlich und zu trocken – auch wenn sie inhaltlich stimmen. Der Online-Dialog zeigte uns: Die Leute wollen nicht Veränderung um jeden Preis. Die FDP steht für Veränderung und Weiterentwicklung. Aber wir müssen auf die Bevölkerung hören. Auf der Welt verändert sich gerade viel – vielleicht zu viel.
«Die Leute wollen nicht Veränderung um jeden Preis.»
Welches Fazit ziehen Sie?

Für mich sind die 15 – 20 Themen, für die wir uns einsetzen wollen, zentral. Denn sie reflektieren freisinnige Werte und sind dennoch breit genug, dass sich die Kandidierenden Themen aussuchen können, die zu ihnen oder ihrer Gemeinde passen. Ein Regierungsrat macht seine Kampagne inhaltlich anders als eine Gemeinderätin. Und die Exekutive funktioniert anders als die Legislative.

Wer zur Offiziersgesellschaft geht, spricht über anderes, als wer ins Altersheim geht. Deshalb ist es auch passend, dass auch unsere Basis an diesem Online-Dialog mitgemacht hat.

Wie würde das funktionieren, wenn ausschliesslich FDP-Mitglieder angesprochen würden?
Das gäbe ganz andere Ergebnisse. Man muss schauen, wie man die Leute gruppiert. Wir hatten 300 Leute von unseren 1'800 Mitgliedern, die mitgemacht haben. Je nachdem, wo man die Engagement-Anstrengungen hinlenkt, hat man am Ende ein Ergebnis. Das muss einem bewusst sein.
Wenn den Leuten ein Problem unter den Nägeln brennt, dann wollen noch mehr mitmachen. Demgegenüber war Ihr Inhalt offener, allgemeiner, neutraler: „Wie ist die Stimmungslage?“
Stimmt, das ist eine gute Beobachtung. Leidensdruck und Kontroversen befeuern so etwas.
Was ist Ihr Fazit zur Zusammenarbeit?
Für mich war es eine tolle Erfahrung, vor allem wegen dieser Top-Punkte in der Rangliste. Wir haben jetzt viele Punkte und Argumente, die immer noch sehr freisinnig sind, aber jeder unserer Kantonsrats-Kandidaten kann sich daraus zwei, drei Punkte herauspicken, die für ihn passen. So präsentieren wir der Zuger Gesamtbevölkerung einen Strauss voller Ideen., die auch unseren freisinnigen Kompass wiedergeben.
Interview: thk
Fakten:
7 offene Fragen
421 Teilnehmende
717 Meinungen und Ideen
33'504 Validierungen
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BrainE4

Bereit, Zuhören neu zu definieren?