Führungsdialog

Markus Grenacher, Feuerwehrinspektor, Solothurnische Gebäudeversicherung

«Ein Workshop bringt das nicht.»
Wie bringt man 600 Miliz-Kader dazu, das wichtigste Regelwerk ihres Kantons freiwillig und engagiert zu überarbeiten? Die Solothurnische Gebäudeversicherung (SGV) ging bei der Revision der Feuerwehr-Kommandoakten neue Wege. Statt in einer starren Vernehmlassung nur die lautesten Stimmen zu hören, luden Kommandanten und Offiziere zu einem digitalen Ideenduell via BrainE4 ein. Im Interview sprechen Feuerwehrinspektor Markus Grenacher, sein Stellvertreter Daniel Schaer und Beschaffungschef Rolf Vogt über überraschend hohes Engagement, wertvolle Erkenntnisse und warum echte Partizipation Mut zur Wahrheit erfordert.
205 Feuerwehrkader revidieren ihr eigenes Regelwerk. Thomas Küng im Gespräch mit der Führung der Solothurnischen Gebäudeversicherung (SGV) über die grundlegende Überarbeitung der kantonalen Kommandoakten für die Feuerwehren.
Herr Grenacher, welches konkrete Problem wollten Sie mit der Gesamtrevision der Solothurner Kommandoakten lösen?
Grenacher: Problem trifft es nicht ganz, es war eine Frage der Zeitgemässheit. Unsere Kommandoakten, das eigentliche "Betriebshandbuch" für die Feuerwehren im Kanton, waren nach der Gesetzesanpassung im Jahr 2025 weder inhaltlich noch vom Auftritt her mehr ganz auf der Höhe der Zeit, der Blätterkatalog war schlicht veraltet. Also haben wir eine umfassende Revision beschlossen. Wir wollten weg vom veralteten "Ordner" und hin zu einer zeitgemässen Lösung, die der Basis im Alltag wirklich nützt.
«Ein Workshop bringt das nicht, dort hört man nur die lautesten Stimmen.»
Eine solche Revision lässt sich klassisch über den Kantonalverband abwickeln. Warum dieser Weg über einen breiten Führungsdialog?
Grenacher: Weil wir sonst nur die Sicht von drei grossen Feuerwehren gehabt hätten, die Bedürfnisse der übrigen wären untergegangen. Wir wollten die Leistungsträger an der Basis erreichen, Kommandanten, Offiziere, aber auch Fachleute wie Materialverwalter, Fahrzeugverantwortliche und Administratoren. Uns war eine flächendeckende Rückmeldung wichtig: Was braucht ihr im Alltag, wo fehlt etwas, was ist überflüssig?
Wie kam der Kontakt zu BrainE4 zustande?
Grenacher: Ich habe die Methode über verschiedene Kanäle verfolgt und direkt Kontakt zu Andreas gesucht. Den Ausschlag gab der Zürcher Feuerwehrinspektor Renato Mathys, der BrainE4 erfolgreich im Kanton Zürich eingesetzt hatte. Ein klassischer Workshop bringt das nicht, dort hört man vor allem die lautesten Stimmen und die leisen Stimmen gehen unter.
«Ein Drittel Beteiligung ist im Milizsystem eine ausgezeichnete Quote.»
Weshalb gaben Sie die Erhebung nicht einfach als internen Auftrag an ihre Abteilung?
Grenacher: Weil Transparenz Akzeptanz schafft. Bei früheren Revisionen haben wir intern entschieden, was gut sein soll. Mit der Zeit wird man vielleicht etwas betriebsblind, man steht ja nicht mehr jeden Tag an der Front. Die Idee war, auf gut Deutsch gesagt, wirklich die Hosen runterzulassen und der Basis echte Mitgestaltung zu geben.
Sie haben rund 600 Kaderleute angeschrieben. Warum nicht gleich alle 3'500 Feuerwehrangehörigen im Kanton Solothurn?
Grenacher: Wenn ich 3'500 Personen befrage, von denen viele die Kommandoakten im Alltag gar nicht direkt anwenden, verwässert das die Ergebnisse. Wir wollten gezielt die Führungskräfte und Spezialisten, die täglich damit arbeiten.
«Kleiner Aufwand, grosser Ertrag.»
Am Ende haben sich 205 Kaderpersonen beteiligt, eine Quote von 34 Prozent, mit durchschnittlich 113 Entscheidungen pro Person. Wie ordnen Sie das ein?
Grenacher: Ehrlich gesagt dachte ich am Anfang, die Kommandoakten interessiert doch niemanden. Umso mehr freut mich: Ein Drittel Beteiligung ist im Milizsystem eine ausgezeichnete Quote. Die 113 Entscheidungen im Schnitt zeigen, mit welcher Ernsthaftigkeit sich die Leute eingebracht haben. Wir hatten zudem einen guten Querschnitt, von der Feuerwehr Kat. 1 bis zu den drei grossen Feuerwehren.
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«Kaum war der Dialog fertig, hatte ich schon das Ergebnis.»
Ein Ideenduell ist für Feuerwehrkader ein ungewohntes Format. Wie war der Einstieg?
Grenacher: Es war natürlich neu. Wir hatten selbst noch nie an so einem Führungsdialog teilgenommen. Im Nachhinein wäre es clever gewesen, den Prozess vorher im Führungsteam einmal durchzuspielen, um noch besser zu verstehen, was die Teilnehmenden erwartet.
Vogt: Unsere Leute sind es gewohnt, ein Anliegen anzupacken und rasch zu einem Resultat zu kommen. Bei einem dynamischen Führungsdialog wie diesem entsteht das Bild erst mit der Zeit. Man muss abwägen und sich einbringen. Das war zu Beginn ungewohnt. Mit der Zeit hat es aber sichtlich Spass gemacht.
Wie fielen die direkten Reaktionen an der Basis aus?
Grenacher: Wir haben das Thema an vier Regionenrapporten vor insgesamt 75 anwesenden Kommandanten gespiegelt. Die Rückmeldungen waren überwiegend sehr positiv, bis hin zu einem spontanen «Chapeau, danke, dass ihr uns mitgenommen habt». Wer dranblieb, hat den Mehrwert schnell erkannt.
«Der Gewinn lässt sich nicht in Franken ausdrücken.»
Wie hoch war der Vorbereitungsaufwand auf Ihrer Seite?
Grenacher: Wirklich überschaubar. Andreas hatte für den Strategie-Workshop drei Stunden eingeplant, wir waren bereits nach einer Stunde und fünfzig Minuten fertig.
Vogt: Ich war positiv überrascht, wie wenig Zeit wir investieren mussten, bis das Projekt lief. Genau das hatten wir uns erhofft: kleiner Aufwand, grosser Ertrag.
Schaer: Das kann ich nur bestätigen, der Vorbereitungsaufwand war klein, das Ergebnis dafür gewaltig und sehr detailliert.
«Auf Knopfdruck steht ein fertiger, gut aufbereiteter Fall bereit.»
Gab es einen Moment, an dem Sie besonders deutlich spürten, dass die Methode greift?
Grenacher: Ich habe immer wieder in die Live-Statistiken reingeschaut und habe gesehen, wie engagiert die Leute eigene Ideen einbringen. Als die Kurve einmal abflachte, hatten wir versehentlich einen falschen Link verschickt. Die Rückmeldungen kamen postwendend, ein hervorragendes Zeichen dafür, wie aufmerksam und engagiert die Leute bei der Sache waren. Die Sommerferien als Zeitfenster waren von uns nicht ideal gewählt, dafür zog die Beteiligung nach einem gezielten Reminder gleich wieder deutlich an.
Schaer: Genau diese zweite Welle nach dem Reminder war für mich der schönste Moment. Die Zahlen stiegen spürbar: neue Leute stiegen ein, und einige Ränge verschoben sich nochmals, weil stärkere Argumente aus der Basis nach oben gewählt wurden.
Über 90 Prozent der Teilnehmenden bringen mehr als zehn Jahre Diensterfahrung mit. War Ihnen das wichtig?
Grenacher: Sehr wichtig. Es bringt wenig, jemanden zu befragen, der erst seit einem halben Jahr im Amt ist. Wir wollten die erfahrenen Praktiker, die täglich mit dem Regelwerk arbeiten. Dass genau diese sich so stark beteiligt haben, freut mich sehr.
«Für mich ist das Ergebnis wirklich grandios.»
Im Kanton Zürich gab es teilweise Skepsis von Kadern, gleich so viele Leute einzubeziehen. Kennen Sie das auch?
Grenacher: Nein, im Gegenteil, das wurde bei uns sehr geschätzt. Alle Offiziere wurden direkt erreicht.
Gab es Rückmeldungen, die Sie inhaltlich überrascht haben?
Grenacher: Ja. Positiv überrascht hat mich, wie offen die Leute über Themen wie die Besteuerung des Soldes gesprochen haben. Ein Bereich, den einige zuerst als weniger relevant einstuften, obwohl er zu ihrer eigenen Verantwortung gehört. Das zeigt uns, wo wir künftig klarer informieren dürfen.
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«Das kostet zwar etwas, aber für mich ist jeder Franken davon wert.»
Was hat Sie am meisten zum Nachdenken gebracht?
Vogt: Für mich vor allem die klaren Rückmeldungen zu unseren Vorgaben bei der Fahrzeugbeschaffung. Die Basis wünscht sich mehr Flexibilität. Das ist ein wertvoller Hinweis, den wir jetzt aufnehmen können, um die Richtlinien künftig praxisnah anzupassen.
Schaer: Die Erkenntnis war: Die Truppe will kein grosses Werk, sondern eine konzentrierte Form. Und zwar am liebsten als Checkliste. Also rasch verfügbar und digital abrufbar.
Was hat Ihnen die Entscheidungsmatrix von BrainE4 für Erkenntnisse gebracht, die eine klassische Vernehmlassung nicht geliefert hätte?
Grenacher: Ein Befund hat mich besonders gefreut: Die Sorge, kleine Feuerwehren könnten gegenüber grossen benachteiligt werden, hat sich klar entkräftet. Die kleineren Wehren haben eine Bevorzugung der Grossen selbst deutlich abgelehnt. Alle wollen dieselben fairen Regeln. Zusätzlich kamen wertvolle Nebenthemen zur Sprache, die wir vorher nicht auf dem Radar hatten.
Schaer: Ein Punkt, der mir im Kopf geblieben ist: Grosse Feuerwehren möchten nicht mehr über feste Kategorien laufen, sondern selbst mitbestimmen, wie sie sich entwickeln. Das ist ein spannender Reflex aus einer historisch gewachsenen Struktur.
Vogt: Der grosse Unterschied zur klassischen Vernehmlassung ist die Ausgangslage: Dort reagiert man nur auf einen vorliegenden Text. Hier konnten die Leute eigene Themen einbringen, von denen einige sehr hoch priorisiert wurden.
«Genau dafür fragt man ja: Wer zuhört, bekommt ein besseres Regelwerk.»
Wie schnell hatten Sie verwertbare Ergebnisse in der Hand?
Grenacher: Wir haben bewusst am 4. September abgeschlossen, kurz bevor unsere Regionrapporte anstanden. Am Tag, als der Dialog fertig war, hatte ich schon das Ergebnis, statt monatelang auf eine Auswertung zu warten. Das ist ein grosser Pluspunkt. Am 5. September lag der Bericht bereits komplett publikationsfähig vor.
«Transparenz schafft Akzeptanz.»
Andere sprechen davon, mit diesem Format Geld zu sparen. Ist das für Sie ein Thema?
Grenacher: Ich glaube nicht, dass wir damit primär Geld sparen. Das war auch nie unser Ziel. Der Gewinn lässt sich nicht in Franken ausdrücken: Wir holen Akzeptanz und zeigen den Leuten, dass wir sie ernst nehmen.
Vogt: Das war auch bei uns nie der Fokus. Im Beitragswesen wird es durch die Wünsche der Basis eher etwas mehr kosten, dafür wissen wir jetzt genau, wo der Mitteleinsatz am meisten bewirkt.
Aus dem Bericht lese ich einen klaren Wunsch nach digitalem, mobilem Zugang zu den Akten. Wie gehen Sie damit um?
Grenacher: Das hatten wir schon länger auf dem Radar. Uns war bewusst, dass die heutige Form nicht mehr ganz zeitgemäss ist. Deshalb sind wir so vorgegangen: zuerst wissen, was inhaltlich wichtig ist, dann erst an die technische Umsetzung gehen.
«Ich war positiv überrascht, wie wenig Zeit wir investieren mussten, bis das Projekt lief.»
Gab es auch Wünsche, die kaum umsetzbar sind?
Grenacher: Ja, etwa der Wunsch nach mehr Gemeindeautonomie bei der Feuerwehrorganisation. Das Gesetz schreibt klar vor, dass jede Gemeinde eine Feuerwehr organisieren muss. Solche Punkte ordnen wir in den neuen Kommandoakten sauber ein: Wir hören zu, tragen aber weiterhin die Verantwortung.
Wie sind Sie mit der BrainE4 Entscheidungsmatrix selbst zurechtgekommen?
Grenacher: Ich habe mich gerne etwas eingelesen. Die Matrix ist eigentlich selbsterklärend. Spannend ist, was dahintersteckt: Wie hoch ist etwas gewichtet, wo herrscht besonderer Konsens. Ich habe das gute Gefühl, dass wir damit in die richtige Richtung gehen.
Was ist Ihr Fazit zur Zusammenarbeit und zum Resultat?
Vogt: Die Betreuung durch Andreas war ausgezeichnet. Er hat effizient und klar erklärt. Unser Aufwand war minimal, das Resultat überzeugend: Auf Knopfdruck steht ein fertiger, gut aufbereiteter Fall bereit.
Schaer: Das kann ich nur bestätigen, ich hatte grosse Freude an der Effizienz. Spannend war, wie sich das Ranking während der Laufzeit nochmals verschob, wenn neuer Input dazukam. Für mich ist das Ergebnis wirklich grandios.
Grenacher: Dem kann ich nur zustimmen. Ich hatte mit Andreas schon einmal über einen grossen Dialog für den ganzen Feuerwehrverband im Kanton Solothurn gesprochen, mit über 3'500 Leuten. Das haben wir damals aus Budgetgründen zurückgestellt. Nach dem, was ich jetzt live erlebt habe, bin ich überzeugt: Das ist der richtige Weg. Die Auswertung samt Priorisierung bekomme ich fixfertig geliefert. Das kostet zwar etwas, aber für mich ist jeder Franken davon wert.
«Der Vorbereitungsaufwand war klein, das Ergebnis dafür gewaltig und sehr detailliert.»
Wem würden Sie BrainE4 empfehlen?
Grenacher: Eigentlich allen, die eine echte Frage haben. Ich würde sogar Firmen ausdrücklich ermutigen, ihre Mitarbeitenden so einzubeziehen. Klassische Umfragen mit den immer gleichen Ankreuzfragen wirken dagegen schnell verstaubt. Wir selbst wollen das auch für unsere eigene Strategieentwicklung einsetzen. Das Format lässt sich auf jede Organisation übertragen, auch auf eine Gemeinde. Die Bandbreite ist für mich völlig offen.
Vogt: Ob es in der Politik funktioniert, weiss ich nicht. Dort geht es meist um eine Entscheidung zwischen zwei Positionen. Das ist eine andere Ausgangslage. Aber grundsätzlich bin ich klar einverstanden.
Schaer: Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen, das sieht Herr Grenacher genau richtig.
Gibt es etwas, das Sie noch ergänzen möchten?
Grenacher: Nur so viel: BrainE4 darf die Solothurnische Gebäudeversicherung gerne als Referenz weitergeben. Auch an alle, die noch etwas skeptisch sind. Wir stehen jederzeit für einen Austausch zur Verfügung. Wir sind sehr zufrieden, gerade beim Verhältnis von unserem Aufwand zu dem, was herauskommt. Und selbst wenn einmal eine kritische Rückmeldung dabei ist: Genau dafür fragt man ja. Wer zuhört, bekommt am Ende ein besseres Regelwerk.
Online-Dialog:
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Digitale Interviews
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Teilnahmequote
Gesprächspartner:
Markus Grenacher, Feuerwehrinspektor, Solothurnische Gebäudeversicherung (SGV)
Daniel Schaer, Stellvertretender Feuerwehrinspektor & Leiter Feuerwehrausbildung
Rolf Vogt, Leiter Beschaffungswesen & Beitragswesen
Interview: thk
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